Privatdozent Dr. Michael Jaeger von der Freien Universität Berlin war auf Einladung von Andreas Krämer zu Gast in der Jahrgangsstufe 12.
In einem interdisziplinären Projekt der Fächer Deutsch sowie Politik und Wirtschaft beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit der Frage, was Goethes Faust II mit Geldschöpfung, Inflation und modernen Finanzkrisen zu tun hat.
Im Mittelpunkt stand die berühmte Papiergeldszene aus dem ersten Akt. Das Reich des Kaisers ist hoch verschuldet, zentrale Ressorts sind zahlungsunfähig, die politische Ordnung gerät ins Wanken. Faust und Mephisto präsentieren eine scheinbar einfache Lösung: neues Papiergeld, gedeckt nicht durch reale Werte, sondern durch die Hoffnung auf noch ungehobene Schätze im Boden.

Die Schülerinnen und Schüler untersuchten diese Szene aus literaturwissenschaftlicher, ökonomischer und ethischer Perspektive. Dabei ging es um das Verhältnis von Geld und Wert, um die Folgen von Inflation und um die Frage, wer von einer Geldmengenausweitung profitiert und wer besonders darunter leidet.
Nach einer Phase selbstständiger Arbeit stellten die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse im Saal des Gasthauses Krone vor. In kurzen Impulsvorträgen warfen sie eigene Fragen auf, die anschließend mit Dr. Jaeger diskutiert wurden. So entstand ein lebhaftes Symposium über die erstaunliche Aktualität von Goethes Dichtung.
Jaeger zählt zu den prägenden Faust-Interpreten der Gegenwart. Er liest Goethes Drama nicht als Feier grenzenlosen Strebens, sondern als Tragödie der Moderne: als Dichtung über Beschleunigung, Traditionsbruch, Weltverbrauch und die Versuchung, Krisen durch immer neue Mittel, Technik und Liquidität lösen zu wollen.